Ich habe einige interessante Behauptungen über das Färben mit Holunderbeeren gelesen, die ich natürlich testen möchte. Ich werde also ein paar kleinere Versuche durchführen, bevor ich mich entscheide, wie ich beim Färben meines großen Stoffstückes vorgehe.
Die Holunderbeeren habe ich im Spätsommer am Rhein gesammelt, eingefroren, und für ein Jahr vergessen. Nicht schlimm, schließlich sind sie eingefroren.
Besagte Behauptungen:
1. Holunderbeeren ergeben eine sehr kräftige Farbe, und brauchen also nicht viel Pflanzenmaterial.
2. Der Farbstoff reagiert auf Veränderungen des PH-Werts während des Färbens. Ein saures Farbbad führt zu roterer Farbe, ein basisches zu blauer. Der interessantere Teil: Angeblich ist die Farbe nach dem Färben nicht mehr reaktiv! (Rotkohl eignet sich z.B. nicht so gut als Farbe für Kleidung, weil der Farbstoff weiter auf PH-Veränderungen reagiert)
Normalerweise würde ich meinen Stoff wiegen, und danach Beeren sammeln, bis ich genug habe. Da ich diesmal die Beeren vor dem Stoff habe, musste ich es anders herum machen.
Ich habe also 270g Holunderbeeren im gefroren Zustand zur Verfügung.
Ich möchte am Ende möglichst viel Stoff haben, um mir eine Gugel zu nähen. Die Größe des Stücks habe ich halb ausgerechnet, halb abgeschätzt, weil ich ein ungefähres Gewichtsverhältnis von 1:2 haben wollte. Am Ende wiegt mein Stück Wollstoff 525g. Der Stoff ist mit Alaun vorgebeizt.
Meine Beeren, die mittlerweile leicht angetaut sind, kommen jetzt mit 1,5l Wasser in meinen Färbetopf. Ich lasse das ganze ein paar Minuten lang (sprudelnd) kochen, dann nehme ich es von der Hitze und lasse es abkühlen, während ich meine kleineren Experimenten in Angriff nehme:
Ein paar Beeren habe ich vor dem Wiegen zurückgehalten. Diese brauche ich jetzt. Ich teile sie auf zwei Schüsseln auf. In die eine Schüssel gebe ich etwas Natron, in die andere Schüssel etwas Branntwein-Essig (der einzige Essig, den ich gerade da hatte). Darauf schütte ich kochendes Wasser, und lege kleine, nasse Stücke meines Stoffes hinein.
Behauptung 2 stimmt schonmal so weit, dass ich jetzt eine Schüssel mit blauem und eine mit rotem Wasser habe.
Nachdem der Inhalt beider Schüsseln eine Weile geruht (und mittlerweile abgekühlt) ist, hole ich die Stoffstücke heraus.
Erst wasche ich sie kurz unter fließendem Wasser aus, dann mische ich einen Teelöffel Essig in eine Schüssel voll Wasser, und schwenke die Stoffstücke darin. Diese saure Nachbehandlung soll die Farbe fixieren.
Zu meiner großen Freude beobachte ich, dass sich der Farbton des blauen Stoffes nicht verändert! Die Stücke sind Farbecht! Ein voller Erfolg. Behauptung 2 ist wahr.
Zum Schluss wasche ich beide Stücke mit sanftem Flüssigwaschmittel aus; hier verändert sich der Farbton des roten Stücks genauso wenig wie zuvor der Blaue.
Allerdings hat sich die Farbe aus dem roten Stück fast komplett herausgewaschen. Ich kann nur vermuten, wieso; entweder habe ich zu wenig Beeren benutzt, oder ich hätte den Essig erst nach dem Stoffstück ins Wasser geben sollen.
Zurück zur eigentlichen Färbung. Ich spanne ein Tuch über eine große Schüssel, und seihe mein abgekühltes Beerenwasser ab. Das Wasser kommt zurück in den Topf, die Beeren verknote ich gut im Tuch, und packe sie ebenfalls zurück in den Topf. So hole ich das Maximum an Farbstoff heraus, allerdings riskiere ich, ein unregelmäßiges Farbergebnis zu haben. Wem eine sehr gleichmäßige Farbe wichtig ist, sollte die Beeren an diesem Punkt entsorgen, und öfter umrühren, als ich es tue.
Ich gebe Natron dazu, bis mir die Farbe blau genug wird. Meine Tabletten sind schon ziemlich alt und deshalb sehr zerkrümelt, also kann ich hier bloß eine ungefähre Menge angeben. Am Ende waren es ca 20 Tabletten Kaiser-Natron, aber man kommt sehr wahrscheinlich mit weniger aus, da ich den Farbton im schwarzen Topf mit meinem verfärbten Kochlöffel nur schwer abschätzen konnte.
Außerdem gebe ich Wasser dazu. Wie viel Wasser man braucht, hängt von Größe und Form des Topfes ab, und davon, wie der Stoff darin liegt. Man braucht einfach genug Wasser, um den Stoff vollständig zu bedecken. Die Menge, die ich jetzt dazugebe, und die, die ich später noch auffüllen muss, kommen insgesamt auf 3l Wasser.
Damit der Stoff die Farbe gut annehmen kann, sollte man ihn vorher nass machen. Besonders bei Wollstoff ist das wichtig! Denn Wolle ist wasserabweisend.
Ich mache also meinen Stoff nass. Dann gebe ich den Stoff in meinen Färbetopf, und bewege ihn im Farbwasser, damit dieses überall einzieht.
Ich stelle den Topf auf den Herd, und erhitze alles langsam, auf niedriger Flamme. Dabei bewege ich (mit den Händen) weiterhin den Stoff im Wasser; damit alles gleichmäßig heiß wird, und auch um die Temperatur zu überwachen, denn mein Thermometer ist kaputtgegangen. Wollstoff sollte nicht zu hoch erhitzt werden, sonst besteht verfilz-Gefahr.
Sobald der Topfinhalt eine Temperatur erreicht, die sich wie 40°C anfühlt - heiß, aber nicht schmerzhaft - schalte ich den Herd auf die niedrigste Stufe um, und setze den Deckel auf den Topf. Das Ganze halte ich so eine halbe Stunde lang warm. Dann schalte ich den Herd ganz aus, bewege den Stoff noch einmal im Topf, und lasse es dann über Nacht stehen.
Am nächsten Morgen mische ich in einer Plastikbox 3l Wasser und 10 Teelöffel Essig (nicht die Maßeinheit). Ich hole meinen Stoff aus dem Färbetopf und spüle ihn sorgfältig in der Essiglösung.
Mit kaltem Wasser wasche ich den Stoff, bis (fast) keine Farbe mehr austritt. Zum Schluss wasche ich ihn von Hand mit mildem Flüssigwaschmittel, so wie ich ihn nach der Weiterverarbeitung waschen werde. Und damit bin ich fertig!
Es überrascht mich nicht, dass Holunder eine gute Färberpflanze ist. Die Beeren werden an vielen Orten dafür gepriesen.
Ich bin nicht sicher, was ich von Behauptung 1 halte. Ich habe weder besonders viel, noch besonders wenig Pflanzenmaterial für ein gutes Farbergebnis benötigt. Ich bin also geneigt, Behauptung 1 nicht zuzustimmen; sie ist allerdings auch nicht gänzlich falsch. Eventuell macht die Wassermange hier den entsprechenden Unterschied.
Ich selbst bin sehr verliebt in die blaue Farbe, die sich bei mir ergeben hat. Die Fotos fangen sie leider nicht ganz akkurat ein.
Sie ist nicht sehr gleichmäßig, was durch mehr Bewegung des Stoffes und ein Weglassen der Beeren in der Ruhezeit wohl vermieden werden kann. Ich persönlich mag die Unregelmäßigkeiten; sie machen den Stoff interessanter.
Blau ist generell eine eher schwer zu findende Farbe - die meisten benutzen Indigo. Ich bin also sehr froh darüber, dass Blau auch mit einer mir heimischen, nicht gerade seltenen Pflanze zu färben ist!
NACHTRAG 2025
Nachdem das Cape, was ich aus diesem Stoff gemacht habe, eine Weile unter einem Fenster in der Sonne hing, muss ich einen kleinen Nachtrag machen: Die Farbe ist NICHT lichtecht. Sie bleicht leicht gelblich aus. Das stört mich persönlich nicht, ist allerdings wichtig zu wissen!
Material für Färbung:
525g Stoff
268g Holunderbeeren, gefroren
4,5l Wasser
20 Tabletten Kaiser-Natron
Material für Nachbehandlung:
10 TL Essig
3l Wasser
Zubehör:
großer Färbetopf
dünnes Tuch (20x20cm)
Putzhandschuhe
Kochlöffel
sanftes Waschmittel
bei Sonnenlicht:
Scan des Stoffes: